Teil der Wahrheit 0.10

“Das bürgerliche Subjekt mag sich ein Leben ohne Arbeit auch deswegen nicht vorstellen, weil hinter seinem Arbeitsethos das Grauen vor der eigenen Leere lauert”.

aus Claus Peter Ortlieb: Zwang und Ethos, konkret 5/12, S.23

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PS zum Wuffi-Affärchen

Wie Herr Röchte bereits sagte:

Als Bundespräsident wolle er erreichen, “dass die Menschen in diesem Land wieder lernen, dass sie in einem guten Land leben, das sie lieben können”, sagte Gauck am Sonntag noch: “Weil es ihnen die wunderbaren Möglichkeiten gibt, in einem erfüllten Leben Freiheit zu etwas und für etwas zu leben.” (Die Zeit- Online)

Das Wuffi-Affärchen

Ein Interview mit Antonius Röchte

Herr Röchte, sie sind Schriftst…

Nein, ich bin kein Schriftsteller. Ich veröffentliche nichts.

Aber sie schrei…

Nein, ich schreibe auch nichts mehr.

Aber warum führen wir dieses Interview? Ich meine …

Keine Ahnung. Wir können ja über Wulff reden.

Aber über den reden doch alle. Wenn es denn sein muss. Sie freuen sich, dass er weg ist?

Nein, ich freue mich überhaupt nicht.

Das müssen Sie erklären.

Christian Wulff war der beste Repräsentant, den Deutschland je hatte. Sehen sie, der Wohlstand der Deutschen beruht darauf, dass sie anderen Staaten ihren Ramsch, vor allem ihren Rüstungsramsch, verkaufen. Davon profitiert das Kapital aber eben auch die sogenannten kleinen Leute, die das, insbesondere, wenn sie sich intellektuell geben, nicht immer wahr haben wollen. Wir leben doch davon, dass wir anderen unseren Müll aufzwingen und ihnen unsere Knochenbrecher schicken, wenn sie nicht bezahlen können. Auch wenn die Kinder der Schuldner nichts zu fressen haben.

Und was hat nun Wulff damit zu tun?

Wie gesagt, wir wollen eigentlich gar nicht wissen, woher unsere Brötchen kommen und warum wir uns einen Thailandurlaub leisten können. Und da haben wir tolle Mechanismen der Selbstverarschung ausgebildet, um uns das Leben schön zu reden. Morgens holen wir uns die BILD oder den SPIEGEL und da steht dann eigentlich nur drin, wie gut wir doch sind. Draußen, da gibt es den Kinderschänder, die geldgierigen Griechen, die Schlampen, die korrupten Geschäftemacher, die geilen Italiener, die Schlägernazis – aber damit haben wir doch nichts zu tun. Wir sind gut, die Welt ist schlecht und alles ist im Lot. Und dann brauchen wir irgendwo in dieser bösen Welt noch einen guten Papi, der ein bisschen weise ist, aber nicht abgehoben, kluge Worte zur richtigen Zeit sagt, sich für Materielles nicht interessiert – einen Bundespräsidenten eben. Der hat doch eigentlich nichts anderes zu tun, als das Gute im Staat zu verkörpern. Etwas, an das wir glauben können. Papi wird es schon richten. Dieser Weizsäcker oder auch Rau waren in diesem Sinne die perfekten Präsidenten. Jetzt kommt aber Herr Wulff, noch relativ jung, soll in die Rolle reinwachsen, vermasselt aber alles. Er verkörpert die Korruptheit des Systems vorbildlich, was aber nicht sein Job ist. Das merkt er zwar, schafft es aber nicht, aus der Nummer wieder rauszukommen.

Aber ist er nicht von den Medien rausgekickt worden?

Klar war die BILD-Zeitung sauer. Das System kriegte auf einmal Schlagseite. Dem Deutschen wurde der Papi genommen. Ich weiß nicht, ob und wie das Kapital und ihre Handlanger aus der Politik da mitgedreht haben, aber es war klar, dass ein solcher Präsident nicht tragbar war. Am Ende hätte er noch aufklärerisch gewirkt und eine paar mehr Leute hätten verstanden, warum es ihnen so gut geht und vielleicht doch mal ein schlechtes Gewissen bekommen.

Aber es war doch nicht nur die BILD-Zeitung, die Wulff bekämpft hat, es waren doch auch Linke und vor allem die Netzgemeinde.

Was ist denn nun schon wieder die Netzgemeinde? Für mich bestand das einzig Interessante am „Wuffi-Affärchen“ darin, zu sehen, wie autoritätshörig die sogenannten Linken doch sind. Ob in den Parteien oder im Netz. Alle sahen plötzlich das „Amt“ beschädigt. Lächerlich. Schämen fremd, wie ein Schulkind, dessen Papi in der Zeitung steht, weil er eine alte Oma überfallen hat. Das hat mir noch mal gezeigt, wie tief die Verdrängungsmechanismen sitzen und welche Aufklärungsfunktion ein Bundespräsident Wulff noch hätte haben können.

Nun ist er weg. Wer kommt?

Mir egal. Hab auch keine Idee. Frau Merkel wird jetzt genauer hingucken. Und das Kapital auch. Frau Käsmann wäre perfekt. Dann können die Dinge wieder ihren gewohnten Lauf nehmen. Auch wenn Papi dann eine Mutti wäre. Aber ich weiß nicht, ob die will.

Herr Röchte, wir danken für dieses Gespräch.

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Boxbude

Auch füher schon wurde echter Kampfsport im FZW groß geschrieben!

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So What?

Der Kapitalismus braucht dort, wo er sich Demokratie nennt, neben dem üblichen Personal einen Grüßonkel, der den Leuten den Eindruck vermittelt, dass nicht alle schlecht sind, da oben. Egal, ob er nun singt, wandert, rumsalbadert, ruckt oder evangelisch ist, es muss eine Person sein, von der die Leute glauben, dass er „denen da oben“ auch mal ein halblautes „Stopp“ zuruft, wenn sie aus ihrer Rolle „demokratisch gewählte Volksvertreter“ fallen. Darüber, dass man jetzt einen auf diese Position gehievt hat, der die Regieanweisungen schon mal vergisst und sich selbst nicht ans Drehbuch hält, hat man sich bestimmt schon geärgert. Da hätte der Herr Gauck schon besser in die Reihe seiner Vorgänger gepasst. Wobei die Leute ja den Herrn Wulff gar nicht so schlecht finden. Zumindest passt seine Giergetriebenheit zu ihnen und dem Staat, den sie sich gewählt haben.

Ob dieser Herr uns zum Hochfest des Kapitalismus noch seine Wünsche aussprechen darf, wissen wir nicht. Was sich die geliebte Musikindustrie wünscht, wissen wir allerdings schon. Wobei natürlich zu sagen ist, dass von dieser, trotz innovativster Forschung, immer weniger übrig bleibt. Von Karl Marx vorausgesagt und von den Sex Pistols mit Flüchen beladen, zerlegt sie sich selbst. Tschüss EMI. Oder doch schade? Über wen sollen wir uns denn später mal so erregen, wie Bernd Graff in der Süddeutschen über „Gottes Ermächtigung fürs Musik Ausschalten?“ und sich dann noch Onkel Lou als Komplizen ins Boot holen.

Dann wäre da noch der Herr Gutti, von dem wir auch viel zu lange nichts gehört hatten. Ob er im Zuge seiner Resozialisierung die Teilnahme am Dschungelcamp plant, wissen wir auch nicht genau. Auf Nachfolgeaufträge, wie Kollege Langhans, scheint er jedenfalls nicht angewiesen zu sein.

Meanwhile in Dortmund sind alle Probleme gelöst: Der Rauchentwicklung bei Popkonzerten im „FZW“ rückt man, wie es sich gehört mit der Feuerwehr zu Leibe (was nebenbei gesagt jedes Jahr den Etat eines kleinen Clubs für ein ganz vernünftiges Jahresprogramm verschluckt), Kunst wird weggeschrubbt, im Zoo dürfen jetzt nur noch Tiere nackt sein und der Versuch, dem Weihnachtsmarkt etwas Religiöses zurückzugeben, ist auch erfolgreich abgewehrt.

Erfolgreicher ist man nur noch in der anderen Ruhrgebietsmetropole Duisburg. Hier gelang es erstmals einen lokalen Spitzenpolitiker auf der weltweiten Liste der größten Antisemiten zu platzieren. Allerdings nur auf Platz 9. Da arbeiten wir dran.

Die gute alte Popmusik wird mal wieder totgesagt. Macht aber nichts, solange sich auch die Politik noch als Spielfeld für aktive, gut informierte oder zumindest unterschriftbereite Popkräfte anbietet. Dass Musik an sich auch irgendwie politisch wirken kann, bringt uns gerade die sächsische Justiz mal wieder ins Gedächtnis. Und diese Herren, dass sie laut ist.

Bullshit-Index: 0.21, Ihr Text zeigt erste Hinweise auf ‘Bullshit’-Deutsch, liegt aber noch auf akzeptablem Niveau.

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Weihnachtsmarkt

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Teil der Wahrheit 0.9

„Für mich verschwand Pop als Gegenkultur in dem Moment, als die Feuerzeuge auf den Konzerten auftauchten. Mit erhobenen Händen huldigen die Fans ihrem jeweiligen Messias. Vor allem ist das aber eine große Selbstfeier. Dabei geht es nicht mehr um irgendeinen Gegenentwurf, sondern nur noch die Übereinstimmung mit dem, was die Konsumenten für ihre Abweichung halten. Die Feuerzeuge als gemeinschaftsstiftendes Utensil haben vielleicht sogar die Facebook-Kultur vorweggenommen“.

Interview Klaus Theweleit: „Wenn es zwitschert, freue ich mich“, Tagesspiegel

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