Archiv für Oktober 2011

Teil der Wahrheit 0.8

Musik ist immer Realitätsflucht. Selbst ein unglaublich aufrührerisches Protestlied, das sich schonungslos mit den Missständen der Welt auseinandersetzt, ist Flucht in die Behaglichkeit des Immer-recht-Habens. Es gibt keine Musik ohne Unterhaltungsaspekt. Als 1974 auf dem UZ-Pressefest der DKP Dieter Süverkrüpp ein Lied gegen Franz Josef Strauß sang und alle klatschten begeistert im Takt »Hoch die internationale Solidarität«, da haben sich alle sehr, sehr wohlgefühlt und blendend unterhalten. Ich halte den amüsementfreien Konsum von Musik für totalen Quatsch. Den gibt es nicht. Und wenn es nur das Amüsement der Eitelkeit ist: Ah, ich fühle mich total wohl in diesem Stockhausen-Konzert! Und hoffentlich sieht mich jeder dabei…

Aus „Ich hab dich lieb? Das geht!“ Interview mit Götz Alsmann, http://www.zeit.de

Okkupier the Thier

Am Kapitalismus zu partizipieren heißt konsumieren, zu neudeutsch „Shopping“. Diese Form der Teilhabe mag ehrlicher sein, als beispielsweise Wahlen, aber sie erzeugt auch dieses flaue Gefühl, welches entsteht, wenn das Must-Have aus dem In-Shop schon auf dem Nachhauseweg in der Einkaufstüte zum von Kinderhänden zusammengeflickten Fetzen wird, welches es eigentlich auch ist. Das flaue Gefühl, dann doch irgendwie verarscht zu werden und letztlich nur denen zu dienen, die uns das Geld für die Fetzen und dem Fetzenhersteller das Kapital für die Fetzenherstellung und den Vertrieb leihen, bringt jetzt einige Leute dazu, über eben diese Fetzen einen warmen Pullover zu ziehen und sich vor Banken zu legen, um mit Zelten und improvisierten Schlafgelegenheiten ein Stück Favela in die kapitalbetriebenen Herzen der Metropolen zu tragen.

In Dortmund wollte man soweit nicht gehen. Am 15. Oktober zog stattdessen ein kleiner Zug vom Bahnhof (hier startet jede deutsche Revolution, auch wenn es Bahnsteigkarten längst nicht mehr gibt), dem Verkehrsfluss folgend, über den Wall zu Dortmunds langweiligsten und unfreundlichsten öffentlichen Raum, dem Friedensplatz. Eine Mini-Loveparade mit einem Wagen – aber so hatte das in Berlin ja auch mal angefangen. Wogegen natürlich erst mal nichts zu sagen ist, wenn es denn Spaß gemacht hat. Sanft anfragen könnte man aber, welchen Fortschritt dieser Dance For Demokratie dem internationalen Aufstand gegen die Banken und den Kapitalismus gebracht haben könnte.

Rückblende 1970: Jerry Rubin erinnert sich in seinem Klassiker Do It! Scenarios für die Revolution an eine lustige Aktion:

„Als wir auf der Galerie erscheinen, kommt das Börsengeschäft zum totalen Stillstand. Tausende von Maklern hören auf Monopoly zu spielen und applaudieren uns. Was für ein phantastischer Anblick für sie – langhaarige Hippies starren auf sie herab. Wir werfen Dollarnoten über die Brüstung, Bargeld rieselt vom Himmel. Wie wilde Tiere stürzen sich die Börsenmakler auf die Scheine. „Da habt ihr was ihr wollt! Echtes, lebendiges Geld! Echte Dollarnoten! In Biafra verhungern Menschen!“ rufen wir. Wir bringen ein bisschen Wirklichkeit in ihr Phantasieleben.“ (dsch. Ausgabe, Trikont 1977, S.117)

Dies würde allerdings hier & heute nicht mehr funktionieren: Wir haben gar nicht genug Dollarnoten, um einen Börsianer zum Bücken zu bringen.

Zurück nach Dortmund. Da gibt es seit ein paar Wochen die Thier-Galerie, ein riesiges umbautes Areal in der Innenstadt, in dem 160 kleinere und mittlere Beutelschneider versuchen an unser Geld zu kommen, während sie selbst an einen größeren Beutelschneider abdrücken müssen – so wie der Kapitalismus halt funktioniert. Die Fläche wurde früher vom produzierenden Kapital (Brauerei) genutzt, dann in einer Zwischennutzung von der sogenannten Kreativwirtschaft (Discos, Kneipen etc.) und jetzt eben vom Handel treibenden Kapital. (Der „Kreativwirtschaft“ wurde im Gegenzug ein anderes Stück ehemals öffentlichen Raums – das FZW – überlassen.)

Würde – nur mal angenommen – nun auch dieser Tempel bürgerlicher Teilhabe Ziel der antikapitalistischen Attacken der 99 Prozent, dann hätte es sich wohl schnell ausgetanzt. Jede Aktion würde sofort von privater und staatlicher Gewalt gestoppt, wenn die Aktivisten nicht zuvor schon Prügel von dem Teil der 99 Prozent bezogen hätten, der weit hergereist ist, um sein Geld für Fetzen loszuwerden.

Thomas Meinecke zitiert in seinem schönen neuen Roman Lookalikes Pierre Bourdieu:

„Zum Undenkbaren einer Epoche gehört nämlich alles, was mangels ethischer oder politischer Disposition, es zu berücksichtigen oder einzubeziehen, nicht gedacht werden kann, aber auch alles, was man mangels geeigneter Denkwerkzeuge wie Problemstellungen, Begriffe, Methoden, Verfahren nicht denken kann“.

Auch wenn uns klar ist, dass die MS Kapitalismus in absehbarer Zeit auf Grund laufen wird, – solange die Kabinen geheizt sind, das Captain’s Dinner gut bestückt und die Shops voll Fetzen, ist undenkbar, dass jemand den Kapitänen das Steuer aus der Hand reißen wird. Auch die nicht, die freiwillig oder unfreiwillig auf dem Deck schlafen.

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Teil der Wahrheit 0.7

„Der Bürokrat ist immer Terrorist und umgekehrt. In seiner Sehnsucht nach dem Terror wird der Bürokrat nicht müde, den wirklichen Terror in anderen Ländern als Gefahr für das eigene Land zu beschwören. Mit Erfolg. Die Bekämpfung eines Terrorismus, den es nicht gibt, wird zur zentalen Aufgabe des Staates.

Der Rechtsstaat löst sich dabei ebenso auf wie die Illusion, es lasse sich im Kapitalismus menschenwürdig leben. Der Staat verstärkt heute den Zwang auf den einzelnen in einer Weise, wie es das seit den Zeiten der Inquisition nicht gegeben hat.“

aus Michael Scharang: Der Terror und die Terrorbekämpfung – ein hübsches Paar, in: Konkret 10/2011, S. 11

tracks of art

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Rock in Rente

Am 12. Oktober findet sich Nirvanas Nevermind (20) auf Platz 13 der aktuellen Billboard-Charts, allerdings einen Platz hinter Pink Floyds Dark Side Of The Moon (38). Das sagt eigentlich schon genug zur Popmusik heute, wäre da nicht noch Adam Green (30), der da twittertI’m so fuckin hungry and fat“ sowie die Popstars, die es nicht geschafft haben, ihren Ruhm mit 27 durch Abgang für immer zu konservieren, und dazu jetzt auch noch Interviews geben müssen. Sly Stone (68), nicht ganz so angepasst wie die meisten seiner Zunft, darf wohl in dieser Liga nicht mehr mitspielen.

Noch kein Fett angesetzt hat allerdings auch Billy Bragg (54). Allerdings fragt man sich bei der Gelegenheit, wo denn eigentlich die anderen tollen (New Yorker) Bands sind, die die Occupy Wall Street Bewegung unterstützen … Eigentlich ein Fall für MC5, aber Fred „Sonic“ Smith und Rob Tyner sind ja nicht mehr unter uns. Und Wayne Kramer ist auch schon 63.

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So What?

Der Herbst rückt an, aber nicht alles wird schlecht. So hat Gutti, unser liebster herausragender Staatsmann einen neuen Job und die Mekons eine neue Platte auf dem Markt. “The Mekons have been rocking since before you were born and will be rocking long after they bury youtwittert Chuck Prophet über sie, womit er ohne Zweifel Recht hat. Auf Tour gehen sie auch – aber natürlich ohne Stopp in Dortmund. Womit wir beim sogenannten „FZW“ wären. Auch wenn dort mittlerweile so ziemlich jede Zielgruppe mit einer Party bedacht wird, gibt es immer noch junge Dortmunder, die von dieser Jugendkulturarbeit nicht erreicht werden. Derart gute Partyideen werden von den Dortmunder Linken schnell aufgegriffen. Weiter so!

Währenddessen sichert sich die Musikindustrie weiter ihre Pfründe, kämpft Billy Bragg gegen das Böse und entdeckt der SPIEGEL die Vollbartbands (blöde Bezeichnung, aber nur halb so blöd wie „Indie“ oder „Weltmusik“). Aber dass Pop keine Jugendkultur ist, im Grunde nie war und immer schon einen Bart hatte, konnte man dort auch schon früher nachlesen. Passend dazu kündigt Onkel Neil seine Autobiografie an und Teen Spirit riecht jetzt auch schon seit 20 Jahren komisch. Und in der letzten Spex ist eh alles Retro. Dass man auch über andere Luftnummern schöne elaborierte Texte schreiben kann, zeigt uns dann der Freitag. Alles irgendwie traurig – Herbst eben – aber vielleicht liegt die Zukunft ja hier

Was ein anderer Chuck Prophet-Tweet mit all dem zu tun hat ist schwer zu sagen: „Did you know the day before Gram Parsons died he was minature golfing with Jonathan Richman?

Bullshit-Index: 0.06, Ihr Text zeigt keine oder nur sehr geringe Hinweise auf ‚Bullshit‘-Deutsch.

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