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Okkupier the Thier

Am Kapitalismus zu partizipieren heißt konsumieren, zu neudeutsch „Shopping“. Diese Form der Teilhabe mag ehrlicher sein, als beispielsweise Wahlen, aber sie erzeugt auch dieses flaue Gefühl, welches entsteht, wenn das Must-Have aus dem In-Shop schon auf dem Nachhauseweg in der Einkaufstüte zum von Kinderhänden zusammengeflickten Fetzen wird, welches es eigentlich auch ist. Das flaue Gefühl, dann doch irgendwie verarscht zu werden und letztlich nur denen zu dienen, die uns das Geld für die Fetzen und dem Fetzenhersteller das Kapital für die Fetzenherstellung und den Vertrieb leihen, bringt jetzt einige Leute dazu, über eben diese Fetzen einen warmen Pullover zu ziehen und sich vor Banken zu legen, um mit Zelten und improvisierten Schlafgelegenheiten ein Stück Favela in die kapitalbetriebenen Herzen der Metropolen zu tragen.

In Dortmund wollte man soweit nicht gehen. Am 15. Oktober zog stattdessen ein kleiner Zug vom Bahnhof (hier startet jede deutsche Revolution, auch wenn es Bahnsteigkarten längst nicht mehr gibt), dem Verkehrsfluss folgend, über den Wall zu Dortmunds langweiligsten und unfreundlichsten öffentlichen Raum, dem Friedensplatz. Eine Mini-Loveparade mit einem Wagen – aber so hatte das in Berlin ja auch mal angefangen. Wogegen natürlich erst mal nichts zu sagen ist, wenn es denn Spaß gemacht hat. Sanft anfragen könnte man aber, welchen Fortschritt dieser Dance For Demokratie dem internationalen Aufstand gegen die Banken und den Kapitalismus gebracht haben könnte.

Rückblende 1970: Jerry Rubin erinnert sich in seinem Klassiker Do It! Scenarios für die Revolution an eine lustige Aktion:

„Als wir auf der Galerie erscheinen, kommt das Börsengeschäft zum totalen Stillstand. Tausende von Maklern hören auf Monopoly zu spielen und applaudieren uns. Was für ein phantastischer Anblick für sie – langhaarige Hippies starren auf sie herab. Wir werfen Dollarnoten über die Brüstung, Bargeld rieselt vom Himmel. Wie wilde Tiere stürzen sich die Börsenmakler auf die Scheine. „Da habt ihr was ihr wollt! Echtes, lebendiges Geld! Echte Dollarnoten! In Biafra verhungern Menschen!“ rufen wir. Wir bringen ein bisschen Wirklichkeit in ihr Phantasieleben.“ (dsch. Ausgabe, Trikont 1977, S.117)

Dies würde allerdings hier & heute nicht mehr funktionieren: Wir haben gar nicht genug Dollarnoten, um einen Börsianer zum Bücken zu bringen.

Zurück nach Dortmund. Da gibt es seit ein paar Wochen die Thier-Galerie, ein riesiges umbautes Areal in der Innenstadt, in dem 160 kleinere und mittlere Beutelschneider versuchen an unser Geld zu kommen, während sie selbst an einen größeren Beutelschneider abdrücken müssen – so wie der Kapitalismus halt funktioniert. Die Fläche wurde früher vom produzierenden Kapital (Brauerei) genutzt, dann in einer Zwischennutzung von der sogenannten Kreativwirtschaft (Discos, Kneipen etc.) und jetzt eben vom Handel treibenden Kapital. (Der „Kreativwirtschaft“ wurde im Gegenzug ein anderes Stück ehemals öffentlichen Raums – das FZW – überlassen.)

Würde – nur mal angenommen – nun auch dieser Tempel bürgerlicher Teilhabe Ziel der antikapitalistischen Attacken der 99 Prozent, dann hätte es sich wohl schnell ausgetanzt. Jede Aktion würde sofort von privater und staatlicher Gewalt gestoppt, wenn die Aktivisten nicht zuvor schon Prügel von dem Teil der 99 Prozent bezogen hätten, der weit hergereist ist, um sein Geld für Fetzen loszuwerden.

Thomas Meinecke zitiert in seinem schönen neuen Roman Lookalikes Pierre Bourdieu:

„Zum Undenkbaren einer Epoche gehört nämlich alles, was mangels ethischer oder politischer Disposition, es zu berücksichtigen oder einzubeziehen, nicht gedacht werden kann, aber auch alles, was man mangels geeigneter Denkwerkzeuge wie Problemstellungen, Begriffe, Methoden, Verfahren nicht denken kann“.

Auch wenn uns klar ist, dass die MS Kapitalismus in absehbarer Zeit auf Grund laufen wird, – solange die Kabinen geheizt sind, das Captain’s Dinner gut bestückt und die Shops voll Fetzen, ist undenkbar, dass jemand den Kapitänen das Steuer aus der Hand reißen wird. Auch die nicht, die freiwillig oder unfreiwillig auf dem Deck schlafen.

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So What?

Langweilig wird sie nie“ reimte der großartige Andreas Dorau bereits 1988 auf „Demokratie“ aber es ist ja schon irre, wenn die Hanseln einer 4-Prozent-Partei bestimmen dürfen, wer für einen 80-Millionen-Staat die Anweisungen der Wirtschaft entgegennehmen darf. Aber jetzt geht es dieser Bande ja wohl an den Kragen. Auch in Deutschland! Der entsprechende twitter-hashtag ist schon vergeben und Facebooks „Echte Demokratie jetzt“ findet auch regen Zuspruch. Auf die germanrevolution müssen wir dann aber wohl noch ein wenig warten. Aber auf jeden Fall schon mal Schlafsack lüften und Bahnsteigkarte lösen. Und ob dann auf den arabischen Frühling der europäische Sommer folgt, werden wir sehen. Zumindest kriegt unsere geliebte SPD schon kalte Füße und zieht schnell eine Spanierin aus dem Hut, die „trotz Unbehagen“ am Wochenende zur Wahl gehen will.

„Wir können nicht eine Währung haben, und die arbeitslose Alleinerziehende muss ihre Lebensmittel mit dem gleichen Spielgeld bezahlen wie der millionenschwere Bankzocker“.

Nein, das hat Frau Angela natürlich nicht gesagt. Eher etwas von „zu viel Urlaub“ der Spanier, in welchem diese ja der wichtigen Wählergruppe „Deutscher Ballermann“ den Platz am selbigen streitig machen könnten.

Solange wir noch keine Ferien haben, schauen wir auf die Glotze und, heh, gar nicht so schlecht, was der neue Sender ZDF.Kultur da veranstaltet. Velvet Underground-Geschepper vom allerersten Konzert auf einen Psychologenkongress 1966 zu Andy-Warhol-Wackelfilmen – muss man sich erst mal trauen. Auch schöne frühe Pink Floyd-Filmchen waren da neulich zu sehen. Machen angesichts der späteren Entwicklung der Band in Richtung 7-CD-Editionen aber irgendwie auch traurig. (Solche wünscht man sich wenn überhaupt doch nur zur Jonathan Single „Little Kookenhaken. Noch mal Glückwunsch zum Geburtstag, übrigens.) Auch wer Politiker rocken sehen will, ist bei ZDF.Kultur gut bedient. Weiter so.

In der Welt der Popmusik passiert nicht viel. Ebenso meanwhile in Dortmund (oder war da was?). Deshalb zum Schluss nur noch die gute Idee eines Waldbesitzers aus der Obersteiermark.

BlaBlaMeter: Bullshit-Index: 0.12 (Ihr Text zeigt nur geringe Hinweise auf ‚Bullshit‘-Deutsch.)

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