Artikel getaggt mit Kapitalismus

Das Wuffi-Affärchen

Ein Interview mit Antonius Röchte

Herr Röchte, sie sind Schriftst…

Nein, ich bin kein Schriftsteller. Ich veröffentliche nichts.

Aber sie schrei…

Nein, ich schreibe auch nichts mehr.

Aber warum führen wir dieses Interview? Ich meine …

Keine Ahnung. Wir können ja über Wulff reden.

Aber über den reden doch alle. Wenn es denn sein muss. Sie freuen sich, dass er weg ist?

Nein, ich freue mich überhaupt nicht.

Das müssen Sie erklären.

Christian Wulff war der beste Repräsentant, den Deutschland je hatte. Sehen sie, der Wohlstand der Deutschen beruht darauf, dass sie anderen Staaten ihren Ramsch, vor allem ihren Rüstungsramsch, verkaufen. Davon profitiert das Kapital aber eben auch die sogenannten kleinen Leute, die das, insbesondere, wenn sie sich intellektuell geben, nicht immer wahr haben wollen. Wir leben doch davon, dass wir anderen unseren Müll aufzwingen und ihnen unsere Knochenbrecher schicken, wenn sie nicht bezahlen können. Auch wenn die Kinder der Schuldner nichts zu fressen haben.

Und was hat nun Wulff damit zu tun?

Wie gesagt, wir wollen eigentlich gar nicht wissen, woher unsere Brötchen kommen und warum wir uns einen Thailandurlaub leisten können. Und da haben wir tolle Mechanismen der Selbstverarschung ausgebildet, um uns das Leben schön zu reden. Morgens holen wir uns die BILD oder den SPIEGEL und da steht dann eigentlich nur drin, wie gut wir doch sind. Draußen, da gibt es den Kinderschänder, die geldgierigen Griechen, die Schlampen, die korrupten Geschäftemacher, die geilen Italiener, die Schlägernazis – aber damit haben wir doch nichts zu tun. Wir sind gut, die Welt ist schlecht und alles ist im Lot. Und dann brauchen wir irgendwo in dieser bösen Welt noch einen guten Papi, der ein bisschen weise ist, aber nicht abgehoben, kluge Worte zur richtigen Zeit sagt, sich für Materielles nicht interessiert – einen Bundespräsidenten eben. Der hat doch eigentlich nichts anderes zu tun, als das Gute im Staat zu verkörpern. Etwas, an das wir glauben können. Papi wird es schon richten. Dieser Weizsäcker oder auch Rau waren in diesem Sinne die perfekten Präsidenten. Jetzt kommt aber Herr Wulff, noch relativ jung, soll in die Rolle reinwachsen, vermasselt aber alles. Er verkörpert die Korruptheit des Systems vorbildlich, was aber nicht sein Job ist. Das merkt er zwar, schafft es aber nicht, aus der Nummer wieder rauszukommen.

Aber ist er nicht von den Medien rausgekickt worden?

Klar war die BILD-Zeitung sauer. Das System kriegte auf einmal Schlagseite. Dem Deutschen wurde der Papi genommen. Ich weiß nicht, ob und wie das Kapital und ihre Handlanger aus der Politik da mitgedreht haben, aber es war klar, dass ein solcher Präsident nicht tragbar war. Am Ende hätte er noch aufklärerisch gewirkt und eine paar mehr Leute hätten verstanden, warum es ihnen so gut geht und vielleicht doch mal ein schlechtes Gewissen bekommen.

Aber es war doch nicht nur die BILD-Zeitung, die Wulff bekämpft hat, es waren doch auch Linke und vor allem die Netzgemeinde.

Was ist denn nun schon wieder die Netzgemeinde? Für mich bestand das einzig Interessante am „Wuffi-Affärchen“ darin, zu sehen, wie autoritätshörig die sogenannten Linken doch sind. Ob in den Parteien oder im Netz. Alle sahen plötzlich das „Amt“ beschädigt. Lächerlich. Schämen fremd, wie ein Schulkind, dessen Papi in der Zeitung steht, weil er eine alte Oma überfallen hat. Das hat mir noch mal gezeigt, wie tief die Verdrängungsmechanismen sitzen und welche Aufklärungsfunktion ein Bundespräsident Wulff noch hätte haben können.

Nun ist er weg. Wer kommt?

Mir egal. Hab auch keine Idee. Frau Merkel wird jetzt genauer hingucken. Und das Kapital auch. Frau Käsmann wäre perfekt. Dann können die Dinge wieder ihren gewohnten Lauf nehmen. Auch wenn Papi dann eine Mutti wäre. Aber ich weiß nicht, ob die will.

Herr Röchte, wir danken für dieses Gespräch.

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So What?

Der Kapitalismus braucht dort, wo er sich Demokratie nennt, neben dem üblichen Personal einen Grüßonkel, der den Leuten den Eindruck vermittelt, dass nicht alle schlecht sind, da oben. Egal, ob er nun singt, wandert, rumsalbadert, ruckt oder evangelisch ist, es muss eine Person sein, von der die Leute glauben, dass er „denen da oben“ auch mal ein halblautes „Stopp“ zuruft, wenn sie aus ihrer Rolle „demokratisch gewählte Volksvertreter“ fallen. Darüber, dass man jetzt einen auf diese Position gehievt hat, der die Regieanweisungen schon mal vergisst und sich selbst nicht ans Drehbuch hält, hat man sich bestimmt schon geärgert. Da hätte der Herr Gauck schon besser in die Reihe seiner Vorgänger gepasst. Wobei die Leute ja den Herrn Wulff gar nicht so schlecht finden. Zumindest passt seine Giergetriebenheit zu ihnen und dem Staat, den sie sich gewählt haben.

Ob dieser Herr uns zum Hochfest des Kapitalismus noch seine Wünsche aussprechen darf, wissen wir nicht. Was sich die geliebte Musikindustrie wünscht, wissen wir allerdings schon. Wobei natürlich zu sagen ist, dass von dieser, trotz innovativster Forschung, immer weniger übrig bleibt. Von Karl Marx vorausgesagt und von den Sex Pistols mit Flüchen beladen, zerlegt sie sich selbst. Tschüss EMI. Oder doch schade? Über wen sollen wir uns denn später mal so erregen, wie Bernd Graff in der Süddeutschen über „Gottes Ermächtigung fürs Musik Ausschalten?“ und sich dann noch Onkel Lou als Komplizen ins Boot holen.

Dann wäre da noch der Herr Gutti, von dem wir auch viel zu lange nichts gehört hatten. Ob er im Zuge seiner Resozialisierung die Teilnahme am Dschungelcamp plant, wissen wir auch nicht genau. Auf Nachfolgeaufträge, wie Kollege Langhans, scheint er jedenfalls nicht angewiesen zu sein.

Meanwhile in Dortmund sind alle Probleme gelöst: Der Rauchentwicklung bei Popkonzerten im „FZW“ rückt man, wie es sich gehört mit der Feuerwehr zu Leibe (was nebenbei gesagt jedes Jahr den Etat eines kleinen Clubs für ein ganz vernünftiges Jahresprogramm verschluckt), Kunst wird weggeschrubbt, im Zoo dürfen jetzt nur noch Tiere nackt sein und der Versuch, dem Weihnachtsmarkt etwas Religiöses zurückzugeben, ist auch erfolgreich abgewehrt.

Erfolgreicher ist man nur noch in der anderen Ruhrgebietsmetropole Duisburg. Hier gelang es erstmals einen lokalen Spitzenpolitiker auf der weltweiten Liste der größten Antisemiten zu platzieren. Allerdings nur auf Platz 9. Da arbeiten wir dran.

Die gute alte Popmusik wird mal wieder totgesagt. Macht aber nichts, solange sich auch die Politik noch als Spielfeld für aktive, gut informierte oder zumindest unterschriftbereite Popkräfte anbietet. Dass Musik an sich auch irgendwie politisch wirken kann, bringt uns gerade die sächsische Justiz mal wieder ins Gedächtnis. Und diese Herren, dass sie laut ist.

Bullshit-Index: 0.21, Ihr Text zeigt erste Hinweise auf ‚Bullshit‘-Deutsch, liegt aber noch auf akzeptablem Niveau.

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Weihnachtsmarkt

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Okkupier the Thier

Am Kapitalismus zu partizipieren heißt konsumieren, zu neudeutsch „Shopping“. Diese Form der Teilhabe mag ehrlicher sein, als beispielsweise Wahlen, aber sie erzeugt auch dieses flaue Gefühl, welches entsteht, wenn das Must-Have aus dem In-Shop schon auf dem Nachhauseweg in der Einkaufstüte zum von Kinderhänden zusammengeflickten Fetzen wird, welches es eigentlich auch ist. Das flaue Gefühl, dann doch irgendwie verarscht zu werden und letztlich nur denen zu dienen, die uns das Geld für die Fetzen und dem Fetzenhersteller das Kapital für die Fetzenherstellung und den Vertrieb leihen, bringt jetzt einige Leute dazu, über eben diese Fetzen einen warmen Pullover zu ziehen und sich vor Banken zu legen, um mit Zelten und improvisierten Schlafgelegenheiten ein Stück Favela in die kapitalbetriebenen Herzen der Metropolen zu tragen.

In Dortmund wollte man soweit nicht gehen. Am 15. Oktober zog stattdessen ein kleiner Zug vom Bahnhof (hier startet jede deutsche Revolution, auch wenn es Bahnsteigkarten längst nicht mehr gibt), dem Verkehrsfluss folgend, über den Wall zu Dortmunds langweiligsten und unfreundlichsten öffentlichen Raum, dem Friedensplatz. Eine Mini-Loveparade mit einem Wagen – aber so hatte das in Berlin ja auch mal angefangen. Wogegen natürlich erst mal nichts zu sagen ist, wenn es denn Spaß gemacht hat. Sanft anfragen könnte man aber, welchen Fortschritt dieser Dance For Demokratie dem internationalen Aufstand gegen die Banken und den Kapitalismus gebracht haben könnte.

Rückblende 1970: Jerry Rubin erinnert sich in seinem Klassiker Do It! Scenarios für die Revolution an eine lustige Aktion:

„Als wir auf der Galerie erscheinen, kommt das Börsengeschäft zum totalen Stillstand. Tausende von Maklern hören auf Monopoly zu spielen und applaudieren uns. Was für ein phantastischer Anblick für sie – langhaarige Hippies starren auf sie herab. Wir werfen Dollarnoten über die Brüstung, Bargeld rieselt vom Himmel. Wie wilde Tiere stürzen sich die Börsenmakler auf die Scheine. „Da habt ihr was ihr wollt! Echtes, lebendiges Geld! Echte Dollarnoten! In Biafra verhungern Menschen!“ rufen wir. Wir bringen ein bisschen Wirklichkeit in ihr Phantasieleben.“ (dsch. Ausgabe, Trikont 1977, S.117)

Dies würde allerdings hier & heute nicht mehr funktionieren: Wir haben gar nicht genug Dollarnoten, um einen Börsianer zum Bücken zu bringen.

Zurück nach Dortmund. Da gibt es seit ein paar Wochen die Thier-Galerie, ein riesiges umbautes Areal in der Innenstadt, in dem 160 kleinere und mittlere Beutelschneider versuchen an unser Geld zu kommen, während sie selbst an einen größeren Beutelschneider abdrücken müssen – so wie der Kapitalismus halt funktioniert. Die Fläche wurde früher vom produzierenden Kapital (Brauerei) genutzt, dann in einer Zwischennutzung von der sogenannten Kreativwirtschaft (Discos, Kneipen etc.) und jetzt eben vom Handel treibenden Kapital. (Der „Kreativwirtschaft“ wurde im Gegenzug ein anderes Stück ehemals öffentlichen Raums – das FZW – überlassen.)

Würde – nur mal angenommen – nun auch dieser Tempel bürgerlicher Teilhabe Ziel der antikapitalistischen Attacken der 99 Prozent, dann hätte es sich wohl schnell ausgetanzt. Jede Aktion würde sofort von privater und staatlicher Gewalt gestoppt, wenn die Aktivisten nicht zuvor schon Prügel von dem Teil der 99 Prozent bezogen hätten, der weit hergereist ist, um sein Geld für Fetzen loszuwerden.

Thomas Meinecke zitiert in seinem schönen neuen Roman Lookalikes Pierre Bourdieu:

„Zum Undenkbaren einer Epoche gehört nämlich alles, was mangels ethischer oder politischer Disposition, es zu berücksichtigen oder einzubeziehen, nicht gedacht werden kann, aber auch alles, was man mangels geeigneter Denkwerkzeuge wie Problemstellungen, Begriffe, Methoden, Verfahren nicht denken kann“.

Auch wenn uns klar ist, dass die MS Kapitalismus in absehbarer Zeit auf Grund laufen wird, – solange die Kabinen geheizt sind, das Captain’s Dinner gut bestückt und die Shops voll Fetzen, ist undenkbar, dass jemand den Kapitänen das Steuer aus der Hand reißen wird. Auch die nicht, die freiwillig oder unfreiwillig auf dem Deck schlafen.

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So What?

Wenn man vom Dorf kommt – am besten aus dem Sauerland, dem Münsterland oder auch vom Niederrhein – dann weiß man doch, dass es dort fast an jedem Sommerwochenende sowas wie eine Facebook-Party gibt. Wobei der inner circle dieser Events sogar bewaffnet aufläuft und Saufereien wie Schlägereien fest zum Programm gehören. Liebe Innenminister – werden Sie aktiv! Aber flott!

Das Schöne am Kapitalismus in seiner derzeitigen Erscheinungsform ist ja, dass er jungen Menschen immer sofort zeigt, wo der Hammer hängt. So bekommt der gemeine Metall-Fan von der Musikindustrie und den Betreibern einer Kasperbude am eigenen Leibe aufgezeigt, dass er nur Zahlvieh ist und ein paar übermütige Jungs, die sich cool wie Erdbeereis geben, mussten jetzt lernen, dass das Recht immer das Rechte des Stärkeren ist – was im Kapitalismus bedeutet: Das Recht des Zahlungskräftigeren.

Für die Rechte der Musikindustrie setzt sich ja, wie allseits bekannt, unser geschätzter Herr Gorny ein. Er tut dies unter anderem in der Enquete-Kommission Internet und Digitale Gesellschaft des Bundestages. Viel Ahnung vom Internet scheint er ja nicht zu haben (was „creative commons“ sind, hat man ihm jetzt aber erklärt), wenn es aber darum geht, seine Lobbyinteressen durchzusetzen ist er (obwohl G. Schröder-Freund) auf Seiten der CDU. Eine Entscheidung zur Netzneutralität hat man jedenfalls auf den Herbst vertagt. Derzeit haben die bösen Internetaktivisten wohl noch die besseren Argumente – aber über den Sommer werden noch ein paar Bier, ein paar Würste und ein paar Erdbeereis verputzt und dann fällt Gorny und seinen Kumpanen schon noch was ein.

Meanwhile in Dortmund betreibt der gute Mann ja die Kollegen-Versorgungsanstalt (Ruhrbarone) “European Center for Creative Economy” (ECCE). „Die Lebenserfahrung sagt einem ja, dass hinter so einem Namen immer aufgeblasener Quark steckt, für den die Steuerzahler blechen müssen, um ein paar Nieten davor zu bewahren, sich auf dem Arbeitsmarkt begeben zu müssen“. Mehr als die Ruhrbarone dazu schon vor einiger Zeit geschrieben haben, ist dazu auch wohl nicht zu sagen, auch wenn die Grünen jetzt doch noch mal irgendwie nachhaken wollen.

Geld für so einen Quark müsste in Dortmund nach der Privatisierung des „FZW“ ja wohl da sein. Hier hat man jetzt, nach dem Relaunch der „FZW“-Seite, auch noch den letzten kleinen Rest von Privatengagement vertrieben. Schauen sie mal auf den „FZW“-Blog und sie werden sehen, sie sehen nichts. Vom Gebäude des alten FZW hört man, dass es ab und zu für illegale Partys genutzt wird. Auch dies dürfte nicht im Sinne der Stadt und der Musikindustrie sein. Warum sollte man sich eigentlich etwas einfach so nehmen dürfen, wenn man es auch kaufen kann? Hier könnte die desorientierte Jugend von den dänischen Kollegen lernen.

Zum Schluss vielleicht doch noch zwei positive Meldungen: Die neue Platte der Feelies ist super und auch die grandiosen Mekons haben eine neue Veröffentlichung angekündigt.

BlaBlaMeter: Bullshit-Index :0.12 (Ihr Text zeigt nur geringe Hinweise auf ‚Bullshit‘-Deutsch.)

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Teil der Wahrheit.01

„Dümmeres Wirtschaften als das kapitalistische gibt es nicht. Es ist ein Kampf jeder gegen jeden. Das Kapital erklärt der Arbeit den Krieg, die Löhne sinken, die Profite steigen und am Ende weiß man nicht, wohin mit den Erträgen, verjuxt sie und rettet sich in die Krise. Diese Wirtschaft kennt nur ein Prinzip, die Konkurrenz und ein Ziel, den Profit – ein sinnloser Kreislauf.“

aus Michael Scharang: Das rasante Tempo des langsamen Niedergangs, konkret 2/2011, S. 14

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